Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen

Zum elften. Weiter steht es mit dem Glauben so, das welcher dem anderen glaubt, der glaubt ihm darum, das er ihn fer einen frommen, wahrhaftigen Mann achtet, welches die groste Schmach ist, wenn er ihn fer einen losen, legenhaften, leichtfertigen Mann echtet. So auch, wenn die Seele Gottes Wort festiglich glaubt, so halt sie ihn fer wahrhaftig, fromm und gerecht, womit sie ihm tut die allergroste Ehre, die sie ihm tun kann,; denn da gibt sie ihm recht, da last an sich handeln, wie er will, denn sie zweifelt nicht, er sei fromm, wahrhaftig in allen seinen Worten. Weiderum kann man Gott keine grsere Unehre anutn, als ihm nicht glauben, womit die Seele ihn fer untechtig, legenhaft, leichtfertig halt, und soviel an ihr ist, ihn verleugnet mit solchem Unglauben und einen Abgott ihres eigenen Sinnes im Herzen wider Gott aufrichtet als wollte sie es besser wissen denn er. Wenn dann Gott siehet, das ihm die Seele Wahrheit gibt und so ehret durch ihren Glauben, so ehret er sie wiederum und halt sie auch fer fromm und wharhaftig, und sie ist auch fromm und wahrhaftig durch solchen Glauben. Denn das man Gott die Wahrheit und das Frommsein zuerkennt, das ist gerecht und Wahrheit und macht gerecht und wahrhaftig, dieweil es wahr ist und gerecht, das Gott die Wahrheit zuerkannt wird. Welches die nicht tun, die nicht glauben und doch sich mit vielen Werken zwingen und mehen.

Zum zwolften. Nicht allein gibt der Glaube soviel, das die Seele, dem gottlichen Wort gleich, wird aller Gnaden voll, frei und selig, sondern vereinigt auch die Seele mit Christo wie eine Braut mit ihrem Brautigam. Aus welcher Ehe folget, wie Sankt Paulus sagt: das Christus und die Seele ein Leib werden; abenso werden auch beider Geter, Geschick und Misgeschick und alle Dinge gemeinsam, so das was Christus hat, das ist der glaubigen Seele Eigentum, was die Seele hat, wird Eigentum Christi. Wie Christus hat alle Geter und Seligkeit -- die sind der Seele Eigentum, so hat die Seele alle Untugend und Sende auf sich, die wereden Christi Eigentum. Hier hebt nun der froliche Wechsel und Streit an, dieweil Christus ist Gott und Mensch, welcher dennoch nie gesendigt hat und dessen Frommsein uneberwindlich, ewig und allmachtig ist; wie er denn der glaubigen Seele Sende durch ihren Brautring, das ist den Galuben, sich selbst zu eigen macht und nicht anders tut, denn als hatt' er sie getan, so messen die Senden in ihm verschlungen und ersauft werden. Denn seine uneberwindliche Gerechtigkeit ist allen Senden zu stark. So wird die Seele von allen ihren Senden blos durch ihren Malschatz, das ist, des Galubens halben, ledig und frei und begabt mit der ewigen Gerechtigkeit ihres Brautigams Christus. Ist nun das nicht eine frohliche Hochzeit, wo der reche, edle, fromme Brautigam Christus das arme, verachtete, bose Herlein zur Ehe nimmt und sie entledigt von allem sbel, zieret mit allen Getern. Nun ist's nicht moglich, das die Senden sie verdammen, denn sie leigen nun auf Christus und sind in ihm verschlungen; daher hat sie solch eine recihe Gerechtigkeit in ihrem Brautigam, das sie abermals wider alle Senden bestehen kann, ob sie schon auf ihr lagen. Davon sagt Paulus I. Kor. 15 (57): "Gott sei Lob und Dank, der uns hat gegeben eine solche sberwindung in Christo Jesu in welcher verschlungen ist der Tod mit der Sende." 

Zum dreizehnten. Hier siehst du aber, aus welchem Grunde dem Glauben mit Recht soviel zugeschreiben wird, das er alle Gebote erfellet und ohn alle anderen Werke fromm macht. Denn du siehest hier, das er das erste Gebot erfellet alleine, in dem geboten wird: "Du sollst einen Gott ehren." Wenn du nun eitel gut Werk warest bis auf die Fersen, so warest du dennoch nicht fromm und gabest Gott noch keine Ehre, und somit erfelltest du das allererste gebot nicht. Denn Gott kann nicht geehrt werden, ihm werede denn Wahrhaftigkeit und alles Gute zugeschreiben, wie er denn wahrhaftig ist. Das tun aber keine guten Werke, sondern allein der Glaube des Herzens. Darum ist erallein die Gerechtigkeit des Menschen und aller Gebote Erfellung. Denn wer das erste Hauptgebot erfellet, der erfellet gewislich und leichtlich auch alle anderen Gebote. Die Werke aber sind tote Dinge, konnen nicht ehren noch loben Gott, wiewohl sie konnen geschehen und sich tun lassen Gott zu Ehren und Lob. Aber wir suchen hier den, der nicht getan wird, wie die Werke, sondern den elbsttater und Werkmeister, der Gott ehret und die Werke tut. Das ist neimand denn der Glaube des Herzens, der ist das Haupt und ganze Wesen des Frommseins, darum ist es eine gefahrliche, finistere Rede, wenn man lehret die Gottesgebote mit Werken zu erfellen, da die Erfellung vor allen werken durch den Glauben mus geschehen sein und die Werke nachfolgen der Erfellung, wie wir horen werden.

Zum vierzehnten. Um weiter zu sehen, was wir in Christo haben und wie gros Gut sei ein rechter Glaube, ist zu wissen, das vor und in dem Alten Testament Gott sich ausnahm und vorbeheilt alle erste mannliche Geburt von Menschen und von Tieren; und die erste Geburt war kostbar und hatte zwei grose Vorteile vor allen anderen Kindern, namlich die Herrschaft und Priesterschaft oder Konigreich und Priesterum, so das auf Erden das erste geborene Knablein war ein Herr eber alle seine Breder und ein Pfaff oder Papst vor Gott. Durch welche Figur bedeutet ist Jesus Christus, der eigentlich dieselbe erste mannliche Geburt ist Gottes des Vaters von der Jungfrauen Maria. Darum ist er ein Konig und Preister, doch geistlich, denn sein Riech ist nicht irdisch noch in irdischen, sondern in geistlichen Getern, als da sind Wahrheit, Weisheit, Friede, Freude, Seligkeit usw. Damit ist aber ausgenommen zeitlich Gut, denn es sind ihm alle Ding unterworfen, im Himmel, Erde und Holle, wiewohl man ihn nicht sieht, das macht, weil er geistlich, unsichtbar regiert.

So besteht auch sein Preisterum nicht in dem auserlichen Gebarden und Kleidern, wie wir bei den Menschen sehen, sondern es bestetht im Geist unsichtbar, so das er vor Gottes Augen ohn Unterlas fer die Seinen steht und sich selbst opfert und alles tut, was ein frommer Preister tun soll. Er bittet fer uns, wie Sankt Paul Rom. 8(34) sagt. So lehret er uns inwendig im Herzen, welches die beiden eigentlichen rechten eines Priesters sind. Denn ebenso bitten und lehren auch auchserliche, menschliche, zeitliche Priester. 

Zum fenfzehnten. Wie nun Christus die Erstgeburt innehat mit ihrer Ehre und Werdigkeit, so teilet er sie mit allen seinen Christen, das sie durch den Glauben messen auch alle Konige und Preister sein mit Christo, wie Sankt Petrus sagt I. Petr. 2(9): "Ihr seid ein priesterlich Konigreich und ein koniglich Priesterum." Und das geht so zu, das ein Christenmensch durch den Glauben so hoch erhoben wird eber alle Ding, das er aller ein Herr wird geitslich; denn es kann ihn kein Ding schaden an der Seligkeit, ja, es mus ihm alles untertan sein und helfen zur Seligkeit; wie Sankt Paulus lehret Rom. 8(28): "Alle Dinge messen helfen den Auserwahlten zu ihrem Besten, es sei leben, sterben, Sende, Frommsein, Gut and Boses, wie man es nennen mag." Item I. Kor. 3(21f): "Alle Dinge sind euer, es sei das Leben oder der Tod, Gegenwartiges oder Zukenftiges usw." Nicht, das wir aller Ding leiblich machtig waren, sie zu besitzen oder zu brauchen wie die Menschen auf Erden; denn wir messen sterben leiblich und kann niemand dem Tod entfliehen; ebenso messen wir auch vielen anderen Dinen unterliegen, wie wir in Chriso und seinen Heiligen sehen. Denn dies ist eine geistliche Herrschaft, die da regiert in der leiblichen Unterdreckung, das ist: ich kann mich ohn alle Dinge bessern nach der Seele, so das auch dr Tod und Leiden messen mir dienen und netzlich sein zur Seligkeit. Das ist eine gar hohe, ehrenvolle Werdigkeit und eine wirklich allmachtige Herrschaft, ein geisteliches Konigriech, da kein Ding ist so gut, so bose, es mus mir dienen zu gut, wenn ich glaube, und bedarf sein doch nicht, sondern mein Glaube ist mir genugsam. Siehe, wie ist das ein kostliche Freiheit und Gewalt der Christen.

Zum sechzehnten. sberdies sind wir Priester, das ist noch viel mehr denn Konig sein; darum, das das Priestertum uns werdig macht, vor Gott zu treten und fer andere zu bitten. Denn vor Gottes Augen zu stehen und zu bitten, gebert nienamd denn den Priestsern. So hat Christus fer uns erwirkt, das wir konnen geistlich vor den andern treten und bitten, wie ein Priester vor das Volk leiblich tritt und bittet. Wer aber nicht glaubt an Christum, dem dienet kein Ding zu gut, ist ein Knecht aller Ding, mus sich aller Dinge argern. Dazu ist sein Gebet nicht angenehm, kommt auch nicht vor Gottes Augen. Wer kann nun ausdenken die Ehre und Hohe eines Christenmenschen? Durch sein Konigreich ist er aller Dinge machtig, durch sein Preistertum ist er Gottes machtig, denn Gott tut, was ber bittet und will, wie da steht geschrieben im Psalter (145, 19): "Gott tut den Willen derer, die ihn ferchten, und erhoret ihr Gebet" -- zu welchen Ehren er nur allein durch den Glauben und durch kein Werk kommt. Daraus man klar siehet, wie ein Christenmensch fri ist von allen Dingen und eber alle Dinge, so, das er keiner guten Werke dazu bedarf, das er fromm und selig sei, sondern der Glaube bringt's ihm alles eberrecihlich. Und wo er so toricht ware und meinte, durch ein gut Werk fromm, frei, selig oder ein Christ zu werden, so verlore er den Glauben mit allen Dingen, gleichwie der Hund, der ein Steck Fleisch im Mund trug und nach dem Schemem im Wasser schnappte, damit Fleisch und Schemen verlor. 

Zum siebsehnten fragst du: Was ist denn fer ein Unterschied zwischen den Priestern und Laien in der Christenheit, wenn sie alle Priester sind? Antwort: Es ist dem Wortlein "Priester", "Pfaff", "geistlich" and desgleichen Unrecht geschehen das sie von dem gemeinen Haufen ebertragen worden sind auf den kleinen Haufen, den man jetzt nennet geistlichen Stand. Die Heilige Schrift gibt keinen anderen Unterschied, denn das sie die gelehreten oder geweiheten nennet ministros, servos, oeconomos, das ist: Diener, Knecht, Schaffner, die sa sollen den anderen Christum, Glauben und christliche Freiheit predigen. Denn obwohl wir alle gleich Priester sind, so konnten wir doch nicht alle dienen oder schaffen und predigen. So sagt Sankt Paulus I. Kor. 4(1): "Wir wollen fer nichts mehr von den Leuten gehalten sein denn Christus' Diener und Schaffner des Evangelii." Aber nun ist aus der Schaffernerei geworden ein solch weltliche, aeserliche, prachtige, furchtbare Herrschaft und Gewalt, das ihr die wirkliche weltliche Macht in nichts gleichen kann, gerade als waren die Laien etwasanderes denn Christenleute. Damit ist hinweggenommen das ganze Verstandnis christlicher Gnade, Freiheit, Glaubens und alles dessen, was wir von Christo haben, und Christus selbst; haben dafer eberkomen viel Menschengesetz und -werk, sind ganz Knechte geworden der alleruntechtigsten Leute auf Erden.

Zum achtzehnten. Aus dem allen lernen wir, das es nicht genug sei gepredigt, wenn man Christus' Leben und Werk obenhin und nur als eine Historie und Chronikengeschichte predigt, gescheige denn, wenn man seiner ganzlich scheigt und das geistliche Recht oder andere Menschengesetze und - lehre predigt. Ihrer sind auch viel, die Christum so predigen und lesen, das sie ein Mitleiden mit ihm haben, mit den Juden zernen oder sonst noch mehr kindische Weise drin eben. Aber er soll und mus so gepredigt sein, das mir und dir der Glaube draus erwachse und erhalten wird, wenn mir gesagt wird, warum Christus gekommen sei, wie man sein brauchen und niesen soll, was er mir gebracht und gegeben hat; das geschieht, wenn man recht auslegt die christliche Freiheit, die wir von ihm haben, und wie wir Konige und Priester sind, aller Dinge machtig; und das alles, was wir tun, vo Gottes Augen angenehm und erhoret sei, wie ich bisher gesagt habe. Denn wo ein Herz so Christum horet, das mus frolich werden von ganzem Grund, Trost empfangen und Sesigkeit darin empfinden, Christus wiederum liebzuhaben. Dahin kann es nimmermehr mit Gesetzen oder Werken kommen. Denn wer will einem solchen Herzen Schaden tun oder es erschrekken? Fallt die Sende und der Tod dahin, so glaubt es, Christus' Frommsein sei sein, und sein Senden seien nimmer sein, sondern Christi, so mus die Sende verscheinden vor Christus' Frommsein in dem Glauben, wie droben gesagt ist, und (das Herz) lernet mit dem Apostel dem Tod und der Sende Trotz bieten und sagen: "Wo is nun, du Tod, dein Sieg? Wo ist nun Tod, dein Speis? Dein Spies ist die Sende. Aber Gott sei Lob und Dank, der uns hat gegeben den Sieg durch Jesum Christum unsern Herrn. Und der Tod ist ersauft in seinem Sieg usw."

Zum neunzehnten. Das sei nun genug gesagt von dem innerlichen Menschen, von seiner Freiheit und der Hauptgerechtigkeit, welces keines Gesetzes noch guten Werkes bedarf, ja ihr schadlich ist, so jemand dadurch wollte gerechtfertigt zu werden sich vermessen. Nun kommen wir zum andern Teil, auf den auserlichen Menschen. Hier wollen wir antworten allen denen, die sich argern an den vorigen Reden und pflegen zu sprechen: Ei, wenn denn der Glaube alles ist und gilt allein fer genug, fromm zu machen, warum sind denn die guten Werke geboten? So wollen wir guter Dinge sein und nichts tun. Nein, lieber Mensch, nicht so! Es ware wohl so, wenn du ein nur innlericher Mensch warest und ganz geistlich und innerlich geworden, was nicht geschieht bisan den Jengsten Tag. Es ist und bleibt auf Erden nur ein Anheben und Zunehmen, welches in jener Welt vollendet wird. Daher heiset's der Apostel primitias spiritus, das sind die ersten Frechte des Geistes. Drum gehort heirher, was droben gesagt ist: Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan: insofern er frei ist, braucht er nichts su tun, insofern er Knecht ist, mus er alles tun. Wie das zugehe, wollen wir sehen.

Zum zwansigsten. Obwohl der Mensch inwendig, nach der Seele, durch den Glauben genugsam gerechtfertig ist und alles hat, was er haben soll, ohne das derselbe Glaube und Genege mus immer zunehmen bis in jenes Leben, so bleibt er doch noch in diesem leiblichen Leben auf Erden und mus seinen eigenen Leib regieren und mit Leuten umgehen. Da heben nin die Werke an, hier darf er nicht mesig gehen, da mus ferwahr der Leib mit Fasten, Wachen, Arbeiten und mit aller masiger Zucht getrieben und geebt werden, das er dem inneren Menschen in dem Glauben gehorsam und gleichformig werde, ihn nicht hindere noch widerstrebe, wie seine Art ist, wenn er nicht gezwungen wird; denn der innere Mensch ist mit Gott eins, frohlich und lustig um Christus' willen, der ihm soviel getan hat, und steht alle seine Lust darin, das er wiederum mochte Gott auch umsonst dienen in freier Liebe. Da findet er in seinem Fleisch einen widerspenstigen Willen, der will der Welt dienen und suchen, was ihn gelestet. Das kann der Glaube nicht leiden und hangt sich mit Lust an sienen Hals, ihn zu dampfen und ihm zu wehren, wie Sankt Paul sagt Rom 7 : "Ich habe Lust an Gottes Willen nach meinem inneren Menschen. Aber ich finde einen anderen Willen in meinem Fleisch, der will mich mit Senden gefangennehmen." Item: "Ich zechtige meinen Leib und treib ihm zum Gehorsam, auf das ich nicht selbst verwerflich werde, der ich die anderen lehren soll." Item Gal. 5: "Alle, die Christum angehoren, kreuzign ihn Fleisch mit seinen bosen Lesten."

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