Von der Freiheit eines Christenmenschen

Martin Luther, 1520

Erstens. Damit wir gründlich erkennen, was ein Christenmensch ist, und wie es um die Freiheit stehe, die ihm Christus erworben und gegeben hat, wovon Sankt Paulus viel schreibt, will ich diese zwei Sätze aufstellen:

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.
Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

Diese zwei Sätze sind klar bei Sankt Paulus zu finden: »Ich bin frei in allen Dingen und habe mich zu jedermanns Knecht gemacht«; ebenso: »Ihr sollt niemand zu etwas verpflichtet sein, außer daß ihr euch untereinander liebet. Die Liebe aber, die ist dienstbar und untertan dem, das sie lieb hat«; so auch von Christus: »Gott hat uns seinen Sohn ausgesandt, von einem Weib geboren und dem Gesetz untertan gemacht.«

Zweitens. Um diese zwei sich widersprechenden Aussagen von der Freiheit und Dienstbarkeit zu verstehen, müssen wir bedenken, daß jeder Christenmensch zwiefacher Natur ist, einer geistlichen und einer leiblichen. Nach der Seele wird er ein geistlicher, neuer, innerlicher Mensch genannt; nach dem Fleisch und Blut wird er ein leiblicher, alter und äußerlicher Mensch genannt. Und um dieses Unterschieds willen werden von ihm in der Schrift Dinge gesagt, die sich vollständig widersprechen wie das, was ich jetzt von der Freiheit und Dienstbarkeit gesagt habe.

Drittens. Nehmen wir uns nun den inwendigen, geistlichen Menschen vor, um zu sehen, was dazu gehört, daß er ein rechter, freier Christenmensch sei und heiße. Es ist dann offenbar, daß keine äußerliche Sache ihn frei oder rechtschaffen machen kann, sie heiße, wie sie wolle; denn seine Rechtschaffenheit und Freiheit so wie andererseits sein Bösesein und seine Gefangenschaft sind nicht leiblich oder äußerlich. Was hilft es der Seele, wenn der Leib nicht gefangen, frisch und gesund ist, ißt trinkt, lebt, wie er will? Andererseits, was schadet es der Seele, wenn der Leib gefangen, krank und matt ist, hungert, dürstet und leidet, wie er es nicht möchte? Keins von diesen Dingen reicht bis an die Seele, um sie zu befreien oder zu fangen, rechtschaffen oder böse zu machen.

Viertens. Ebenso hilft es der Seele nichts, wenn der Leib heilige Kleider anlegt, wie's die Priester und Geistlichen tun, auch nicht, wenn er sich in Kirchen und heiligen Stätten befindet; auch nicht, wenn er sich mit heiligen Dingen befaßt; auch nicht, wenn er leiblich betet, fastet, wallfahrtet und alle guten Werke tut, die in alle Ewigkeit durch und in dem Leib geschehen können. Es muß allemal noch etwas anderes sein, was der Seele Rechtschaffenheit und Freiheit bringen und geben kann. Denn alle diese genannten Dinge, Werke und Weisen kann auch ein böser Mensch, ein Gleißner und Heuchler an sich haben und ausüben, und durch so etwas entsteht auch kein anderes Volk als lauter Gleißner. Umgekehrt schadet es der Seele nichts, wenn der Leib unheilige Kleider trägt, sich an unheiligen Orten befindet, wenn er ißt und trinkt, nicht wallfahrtet und betet und all die Werke unterläßt, die die genannten Gleißner tun.

Fünftens hat die Seele sonst nichts, weder im Himmel noch auf Erden, worin sie leben, rechtschaffen, frei und eine Christin ist, als das heilige Evangelium, das Wort Gottes, das Christus gepredigt hat, wie er selbst sagt: »Ich bin das Leben und die Auferstehung; wer an mich glaubt, der lebt ewig«; ebenso: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben« ebenso: »Der Mensch lebt nicht allein von dem Brot, sondern von allen Worten, die aus dem Mund Gottes gehen.« Wir müssen also gewiß sein, daß die Seele alle Dinge entbehren kann, außer dem Wort Gottes, und ohne das Wort Gottes ist ihr mit keinem Ding geholfen. Wenn sie aber das Wort Gottes hat, so bedarf sie auch keines anderen Dings mehr, sondern sie hat in dem Wort Genüge, Speise, Freude, Friede, Licht, Wissen, Gerechtigkeit, Wahrheit, Weisheit, Freiheit und alles Gute überschwenglich. So lesen wir auch im Psalter, daß der Prophet nach nichts so sehr schreit wie nach Gottes Wort; und in der Schrift gilt es als allerhöchste Plage und Zorn Gottes, wenn er sein Wort den Menschen nimmt, umgekehrt als denkbar größte Gnade, wenn er sein Wort zu ihnen sendet, wie steht: »Er hat sein Wort ausgesandt, womit er ihnen geholfen hat.« Und Christus ist um keines anderen Amtes willen gekommen, als um das Wort Gottes zu predigen. Auch alle Apostel, Bischöfe, Priester und der ganze geistliche Stand sind allein um des Wortes willen berufen und eingesetzt, wiewohl es nun leider anders hergeht.

Sechstens. Fragst du aber: Welches ist denn das Wort, das so eine große Gnade gibt, und wie soll ich es gebrauchen? Antwort: Es ist nichts anderes als die Predigt von Christus, wie sie das Evangelium enthält; und die soll so sein und hat diesen Inhalt, daß du deinen Gott zu dir reden hörst: wie all dein Leben und Werk vor Gott nichts seien und du vielmehr mit all dem, was in dir ist, auf ewig verderben müssest. Und wenn du das wirklich glaubst, wie du verpflichtet bist, so mußt du an dir selbst verzweifeln und bekennen, daß der Spruch Hoseas wahr sei: »O Israel, in dir ist nichts als dein Verderben, allein aber in mir steht deine Hilfe.« Damit du aber aus dir und von dir, d. h. aus deinem Verderben herauskommen kannst, stellt dir Gott seinen lieben Sohn Jesus Christus vor Augen und läßt dir durch sein lebendiges, tröstliches Wort sagen, du solltest dich ihm mit festem Glauben ergeben und frisch auf ihn vertrauen; so sollen dir um dieses Glaubens willen alle deine Sünden vergeben, all dein Verderben überwunden sein, und du sollst gerecht, wahrhaftig, befriedet und rechtschaffen, alle Gebote sollen erfüllt und du sollst von allen Dingen frei sein, wie Sankt Paulus sagt: »Ein gerechtfertigter Christ lebt nur von seinem Glauben«, und: »Christus ist das Ende und die Erfüllung aller Gebote für die, die an ihn glauben.«

Siebentens. Darum sollte das wohl für alle Christen das einzige Werk und die einzige Übung sein, daß sie sich das Wort und Christus gut einprägten und diesen Glauben ständig übten und stärkten. Denn kein anderes Werk kann einen Christen machen, wie Christus zu den Juden sagt, als sie ihn fragten, was sie für Werke tun sollten, um göttliche und christliche Werke zu tun; da sprach er: »Das ist das einzige göttliche Werk, daß ihr an den glaubt, den Gott gesandt hat.« Darum ist ein rechter Glaube an Christus ein überschwenglicher Reichtum; denn er bringt alle Seligkeit mit sich und nimmt alle Unseligkeit weg, wie es heißt: »Wer da glaubt und getauft ist, der wird selig. Wer nicht glaubt, der wird verdammt.« Darum sah der Prophet auf den Reichtum dieses Glaubens und sprach: »Gott wird auf der Erde ein kurzes Fazit ziehen, und dem kurzen Fazit wird wie eine Sintflut die Gerechtigkeit entströmen«, d. h. der Glaube, in dem kurz die Erfüllung aller Gebote besteht, wird alle im Überfluß rechtfertigen, die ihn haben, daß sie nichts mehr bedürfen, um gerecht und rechtschaffen zu sein. Ebenso sagt Sankt Paul: »Daß man von Herzen glaubt, das macht einen gerecht und rechtschaffen.«

Achtens. Wie ist das aber möglich, daß es der Glaube allein vermag, rechtschaffen zu machen und ohne alle Werke so überschwenglichen Reichtum zu geben, wo uns doch in der Schrift so viele Gesetze, Gebote, Werke, Ordnungen und Weisen vorgeschrieben sind? Hier ist sorgsam darauf zu achten und mit Ernst festzuhalten, daß allein der Glaube ohne alle Werke rechtschaffen, frei und selig macht, wie wir später näher hören werden; und man muß wissen, daß die ganze heilige Schrift in zweierlei Worte geteilt wird, nämlich Gottes Gebot oder Gesetz und Verheißung oder Zusagen. Die Gebote lehren und schreiben uns verschiedene gute Werke vor, aber damit sind sie noch nicht geschehen. Sie weisen wohl an, sie helfen aber nicht, lehren, was man tun soll, geben aber keine Kraft dazu. Darum sind sie nur dazu bestimmt, daß der Mensch daran sein Unvermögen zum Guten erkenne und lerne, an sich selbst zu verzweifeln. Und darum heißen sie auch das Alte Testament und gehören alle ins Alte Testament. So zeigt z. B. das Gebot »Du sollst nicht böse Begierden haben«, daß wir alle miteinander Sünder sind und kein Mensch es vermag, ohne böse Begierden zu sein, er mag tun, was er will. Dadurch lernt er an sich selbst zu verzagen und anderswo Hilfe zu suchen, um ohne böse Begierden zu sein, und so das Gebot durch einen andern zu erfüllen, was er aus sich selbst nicht vermag. So sind auch alle andern Gebote für uns unerfüllbar.

Neuntens. Wenn nun der Mensch aus den Geboten sein Unvermögen gelernt und empfunden hat, daß ihm nun Angst wird, wie er dem Gebot genug tun soll, denn das Gebot muß erfüllt sein, oder er muß verdammt sein, dann ist er recht gedemütigt und zunichte geworden in seinen Augen, findet nichts in sich, wodurch er rechtschaffen werden könnte. Jetzt kommt dann das andere Wort, die göttliche Verheißung und Zusage und spricht: Willst du alle Gebote erfüllen, deine böse Begierde und Sünde los werden, wie's die Gebote erzwingen und fordern, nun so glaub an Christus, in dem ich dir alle Gnade, Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit zusage! Glaubst du, so hast du; glaubst du nicht, so hast du nicht. Denn was dir unmöglich ist mit allen Werken der Gebote, die zahlreich und doch nutzlos sein müssen, das wird dir leicht und kurz durch den Glauben. Denn ich habe kurzweg alles auf den Glauben gestellt, daß, wer ihn hat, alles haben und selig sein soll; wer ihn nicht hat, soll nichts haben. So geben die Zusagen Gottes, was die Gebote fordern, und vollbringen, was die Gebote befehlen, damit es alles Gott gehöre, Gebot und Erfüllung: er befiehlt allein, er erfüllt auch allein. Darum sind die Zusagen Gottes Worte des Neuen Testaments und gehören auch ins Neue Testament. -

Zehntens. Nun sind diese und alle Worte Gottes heilig, wahrhaftig, gerecht, friedsam, frei und aller Güte voll. Wer ihnen darum mit einem rechten Glauben anhängt, dessen Seele wird mit ihm so ganz und gar vereinigt, daß alle Tugenden des Wortes auch der Seele zu eigen werden und die Seele so durch den Glauben von dem Gotteswort heilig, gerecht wahrhaftig, friedsam, frei und aller Güte voll, ein wahrhaftiges Kind Gottes wird, wie es heißt: »Er hat ihnen gegeben, daß sie Kinder Gottes werden können, alle, die an seinen Namen glauben.«

Hieraus ist leicht zu erkennen, warum der Glaube so viel vermag, und daß keine guten Werke ihm gleich kommen können. Denn kein gutes Werk hängt an dem göttlichen Wort so wie der Glaube; es kann auch nicht in der Seele sein, sondern nur das Wort und der Glaube regieren in der Seele selbst. Wie das Wort ist, so wird auch die Seele von dem Wort, so wie das Eisen durch die Vereinigung mit dem Feuer glutrot wird wie das Feuer. So sehen wir, daß ein Christenmensch an dem Glauben genug hat: er bedarf keines Werkes, um rechtschaffen zu sein. Bedarf er keines Werkes mehr, so ist er gewiß von allen Geboten und Gesetzen entbunden; ist er entbunden, so ist er gewiß frei. Das ist die christliche Freiheit, allein der Glaube, der nicht bewirkt, daß wir müßig gehen oder Böses tun können, sondern daß wir kein Werk nötig haben, um das Gutsein und die Seligkeit zu erlangen. Darüber wollen wir nachher noch mehr sagen.

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