Von der Freiheit eines Christenmenschen

Martin Luther, 1520

Elftens. Weiter verhält sich's mit dem Glauben so: Wer einem andern glaubt, der glaubt ihm darum, weil er ihn für einen rechtschaffenen, wahrhaftigen Mann hält, was die größte Ehre ist, die ein Mensch dem andern erweisen kann, so wie es umgekehrt die größte Beleidigung ist, wenn er ihn für einen lockeren, lügenhaften, leichtfertigen Mann hält. So hält auch die Seele, wenn sie Gottes Wort fest glaubt, Gott für wahrhaftig, rechtschaffen und gerecht, womit sie ihm die allergrößte Ehre erweist, die sie ihm erweisen kann. Da gibt sie ihm recht, da läßt sie ihm recht, da ehrt sie seinen Namen und läßt ihn mit sich handeln, wie er will; denn sie zweifelt nicht daran, daß er rechtschaffen und wahrhaftig sei in allen seinen Worten. Umgekehrt kann man Gott keine größere Schmach antun, als ihm nicht glauben, womit ihn die Seele für unvermögend, lügenhaft und leichtfertig hält und ihn, soviel an ihr liegt, mit diesem Unglauben verleugnet und im Herzen einen Abgott ihres eigenen Sinns gegen Gott aufrichtet, als wollte sie es besser wissen als er. Wenn Gott daher sieht, daß ihm die Seele Wahrhaftigkeit zugesteht und ihn so durch ihren Glauben ehrt, so ehrt er sie ebenfalls und hält sie auch für rechtschaffen und wahrhaftig, und durch so einen Glauben ist sie auch rechtschaffen und wahrhaftig. Denn daß man Gott die Wahrhaftigkeit und Rechtschaffenheit zugesteht, das ist Recht und Wahrhaftigkeit und macht rechtschaffen und wahrhaftig, weil es wahr und recht ist, Gott die Wahrhaftigkeit zuzugestehen, was die nicht tun, die nicht glauben und sich doch mit vielen guten Werken mühen und plagen.

Zwölftens. Der Glaube gibt nicht nur dies, daß die Seele dem göttlichen Wort gleich, aller Gnaden voll, frei und selig wird, sondern vereinigt auch die Seele mit Christus wie eine Braut mit ihrem Bräutigam. Aus dieser Ehe folgt, wie Sankt Paulus sagt, daß Christus und die Seele ein Leib werden; darum werden auch beiden die Güter, Glücks- und Unglücksfälle und alle Dinge gemeinsam. Das, was Christus hat, das ist Eigentum der gläubigen Seele; was die Seele hat, wird Eigentum Christi. So hat Christus alle Güter und Seligkeit, die sind Eigentum der Seele; so hat die Seele alle Untugenden und Sünden auf sich liegen - die werden Eigentum Christi. Hier beginnt nun der fröhliche Tausch und Streit: weil Christus Gott und Mensch ist, der noch nie gesündigt hat, und seine Rechtschaffenheit unüberwindlich, ewig und allmächtig ist, so müssen die Sünden in ihm verschlungen und ersäuft werden, wenn er die Sünden der gläubigen Seele durch ihren Brautring, d. h. den Glauben, sich selbst zu eigen macht und so handelt, wie er gehandelt hat. Denn seine unüberwindliche Gerechtigkeit ist allen Sünden zu stark; so wird die Seele von all ihren Sünden einzig durch ihr Brautgeschenk, d. h. um des Glaubens willen, frei und los und mit der ewigen Gerechtigkeit ihres Bräutigams Christus beschenkt. Ist das nun nicht ein fröhlicher Hausstand, wo der reiche, edle, rechtschaffene Bräutigam Christus das arme, verachtete, böse Hürlein zur Ehe nimmt und sie von allem Übel befreit, mit allem Guten schmückt? So ist es nicht möglich, daß die Sünden sie verdammen; denn die liegen nun auf Christus und sind in ihm verschlungen. Sie hat auch eine so reiche Gerechtigkeit in ihrem Bräutigam, daß sie wieder gegen alle Sünden bestehen kann, mögen sie auch auf ihr liegen. Davon spricht Paulus: »Gott sei Lob und Dank, der uns eine solche Überwindung in Christus Jesus gegeben hat, in der der Tod mit der Sünde ist.«

Dreizehntens. Hier siehst du wieder, aus welchem Grunde dem Glauben mit Recht so viel zugeschrieben wird, daß er alle Gebote erfülle und ohne alle Werke rechtschaffen mache. Denn du siehst hier, daß er allein das erste Gebot erfüllt, in welchem geboten wird: »Du sollst deinen Gott ehren.« Wenn du nun aus lauter guten Werken beständest bis auf die Fersen, so wärst du trotzdem nicht rechtschaffen und gäbest Gott darum noch keine Ehre und erfülltest also das allererste Gebot nicht. Denn Gott kann nicht geehrt werden, ihm werde denn Wahrhaftigkeit und alles Gute zugeschrieben, wie er denn auch in Wahrheit ist. Das tun aber keine guten Werke, sondern allein der Glaube des Herzens.

Darum ist er allein die Gerechtigkeit der Menschen und aller Gebote Erfüllung. Denn wer das erste Hauptgebot erfüllt, der erfüllt gewiß und mit Leichtigkeit auch alle andern Gebote. Die Werke aber sind tote Dinge, können Gott nicht ehren noch loben, obschon sie Gott zu Ehren und Lob geschehen können und sich tun lassen. Aber wir fragen hier nach dem, der nicht getan wird wie die Werke, sondern nach dem Selbsttäter und Herrn des Werks, der Gott ehrt und die Werke tut. Das ist niemand anders als der Glaube des Herzens: der ist das Haupt und der ganze Inhalt der Rechtschaffenheit. Darum ist es eine gefährliche, finstere Rede, wenn man lehrt, Gottes Gebote mit Werken zu erfüllen, wo doch die Erfüllung vor allen Werken durch den Glauben geschehen sein muß und die Werke erst nach der Erfüllung folgen, wie wir hören werden.

Vierzehntens. Um weiter zu sehen, was wir in Christus haben, und ein wie großes Gut ein rechter Glaube ist, muß man wissen, daß vor und in dem alten Bunde Gott sich alle erste männliche Geburt von Menschen und von Tieren aussonderte und vorbehielt. Und die Erstgeburt war köstlich und besaß zwei große Vorteile vor allen andern Kindern, nämlich die Herrschaft und Priesterschaft oder das Königreich und Priestertum, daß das erstgeborene Knäblein also auf Erden ein Herr über alle seine Brüder war und ein Geistlicher oder Papst vor Gott. Mit diesem Vorzeichen ist auf Jesus Christus hingewiesen, der diese Erstgeburt eigentlich ist, von Gott Vater und von der Jungfrau Maria. Darum ist er ein König und Priester, aber geistlich; denn sein Reich ist nicht irdisch und in irdischen, sondern in geistlichen Gütern wie Wahrheit, Friede, Freude, Seligkeit usw. Damit ist das zeitliche Gut aber nicht ausgenommen; denn es sind ihm alle Dinge unterworfen im Himmel, Erde und Hölle, obwohl man ihn nicht sieht, das kommt daher, daß er geistlich, unsichtbar regiert. So besteht auch sein Priestertum nicht in den äußerlichen Formen und Kleidern, wie wir bei den Menschen sehen, sondern es besteht im Geist unsichtbar darin, daß er vor Gottes Augen ohn' Unterlaß für die Seinen einsteht und sich selbst opfert, wie Sankt Paul sagt. So lehrt er uns auch innerlich im Herzen, und das sind zwei eigentliche, rechte Ämter eines Priesters. Denn ebenso bitten und lehren auch äußerliche, menschliche, zeitliche Priester.

Fünfzehntens. So wie nun Christus die Erstgeburt mit ihrer Ehre und Würde besitzt, teilt er sie auch mit all seinen Christen, daß sie durch den Glauben auch alle mit Christus Könige und Priester sein müssen, wie Sankt Petrus sagt: »Ihr seid ein priesterliches Königreich und ein königliches Priestertum.« Und das geht so zu, daß ein Christenmensch durch den Glauben über alle Dinge so hoch erhoben wird, daß er geistlich ein Herr über alle wird. Denn es kann ihm kein Ding zur Seligkeit schädlich sein, ja, es muß ihm alles untertan sein und zur Seligkeit helfen, wie Sankt Paulus lehrt: »Alle Dinge müssen den Auserwählten zu ihrem Besten helfen«, es sei Leben, Sterben, Sünde, Rechtschaffenheit, Gutes und Böses, wie es nur heißen mag; weiter: »Alle Dinge sind euer, es sei das Leben oder der Tod, Gegenwärtiges oder Zukünftiges« usw. Nicht, daß wir leiblich über alle Dinge Macht hätten, um sie wie die Menschen auf Erden zu besitzen oder zu gebrauchen. Denn wir müssen leiblich sterben, und niemand kann dem Tod entfliehen; ebenso müssen wir auch vielen andern Dingen unterliegen, wie wir an Christus und seinen Heiligen sehen. Denn dies ist eine geistliche Herrschaft, welche regiert, während der Leib unterdrückt wird, d. h. ich kann mich der Seele nach ohne alle Dinge bessern, so daß auch der Tod und Leiden mir zur Seligkeit dienen und nützlich sein müssen. Das ist eine sehr hohe ehrenvolle Würde und eine wirklich allmächtige Herrschaft, ein geistliches Königreich, wo kein Ding zu gut oder zu böse ist, es muß mir zum Guten dienen, wenn ich glaube, und ich bedarf seiner doch nicht, sondern mein Glaube ist mir genug. Sieh, wie köstlich ist die Freiheit und Gewalt der Christen!

Sechzehntens. Darüber hinaus sind wir Priester. Das ist noch viel mehr als König sein, weil das Priestertum uns würdig macht, vor Gott zu treten und für andere zu bitten; denn vor Gottes Augen zu stehen und zu bitten gebührt niemand als den Priestern. Somit hat uns Christus (das Recht) erworben, daß wir geistlich füreinander eintreten und bitten können, wie ein Priester leiblich für das Volk eintritt und bittet. Wer aber nicht an Christus glaubt, dem dient kein Ding zum Guten. Er ist ein Knecht aller Dinge und muß sich an allen Dingen ärgern; dazu ist sein Gebet nicht angenehm und kommt nicht vor Gottes Augen. Wer kann nun die Ehre und Höhe eines Christenmenschen ausdenken? Durch sein Königtum ist er aller Dinge mächtig, durch sein Priestertum ist er Gottes mächtig; denn Gott tut, was er bittet und will, wie im Psalter geschrieben steht: »Gott tut den Willen derer, die ihn fürchten, und erhört ihr Gebet«, und zu dieser Ehre kommt er nur durch den Glauben und durch kein Werk. Daraus sieht man klar, wie ein Christenmensch frei von allen Dingen ist und über allen Dingen steht, so daß er keiner guten Werke bedarf, um rechtschaffen und selig zu sein, sondern der Glaube bringt ihm das alles im Überfluß. Und wenn er so töricht wäre und meinte, durch ein gutes Werk rechtschaffen, frei, selig oder ein Christ zu werden, so verlöre er den Glauben zugleich mit allen Dingen, so wie der Hund, der ein Stück Fleisch im Maul trug und nach dem Spiegelbild im Wasser schnappte, dadurch Fleisch und Spiegelbild verlor.

Siebzehntens. Du fragst: Was ist denn für ein Unterschied zwischen den Priestern und den Laien in der Christenheit, wenn sie alle Priester sind? Antwort: Es ist den Worten »Priester«, »Pfarrer«, »Geistlicher« usw. damit Unrecht geschehen, daß man ihren Gebrauch von der Allgemeinheit auf die kleine Schar eingeschränkt hat, die man jetzt »den geistlichen Stand« nennt. Die heilige Schrift macht keinen andern Unterschied, als daß sie die Gelehrten oder Geweihten ministri, servi, oeconomi nennt, d. h. »Diener«, »Knechte«, »Verwalter«, die den andern Christus, den Glauben und die christliche Freiheit predigen sollen. Denn obwohl wir alle gleichmäßig Priester sind, können wir doch nicht alle dienen oder verwalten und predigen. So sagt Paulus: »Wir wollen von den Leuten für nichts mehr gehalten sein als für Christi Diener und Verwalter des Evangeliums.« Aber nun ist aus der Verwaltung so eine weltliche, äußerliche, prächtige, furchterregende Herrschaft und Gewalt geworden, daß ihr die rechte weltliche Macht in keiner Weise gleichkommen kann, gerade so als wären die Laien etwas anderes als Christenleute. Damit ist dann das ganze Verständnis der christlichen Gnade und Freiheit, des christlichen Glaubens und alles, was wir von Christus haben, und Christus selbst aufgehoben, und dafür haben wir viele Menschengesetze und -werke bekommen und sind ganz Knechte geworden der alleruntüchtigsten Menschen auf der Erde.

Achtzehntens. Aus dem allen lernen wir, daß es nicht genug ist, wenn man Christus Leben und Werk obenhin und nur als ein geschichtliches und überliefertes Ereignis predigt, geschweige denn, daß man von ihm ganz schweigt und das geistliche Recht oder andere Menschengesetze und -lehren predigt. Viele predigen und lesen Christus auch so, daß sie Mitleid mit ihm haben, mit den Juden zürnen oder sich auf andere kindische Weise damit befassen. Aber er soll und muß so gepredigt werden, daß mir und dir daraus der Glaube erwächst und erhalten wird. Und dann erwächst dieser Glaube und wird er erhalten, wenn mir gesagt wird, warum Christus gekommen ist, wie man ihn gebrauchen und genießen soll, was er mir gebracht und gegeben hat. Das geschieht, wenn man die christliche Freiheit, die wir von ihm haben, richtig auslegt, und (zeigt,) wie wir Könige und Priester seien, aller Dinge mächtig, und wie alles, was wir tun, vor Gottes Augen angenehm und erhört sei, wie ich's bisher gesagt habe. Denn wenn ein Herz so von Christus zu hören bekommt, muß es von Grund auf fröhlich werden, Trost empfangen und gegen Christus süß werden, ihn seinerseits lieb zu haben. (Dazu kann es mit Gesetzen und Werken niemals kommen.) Wer will dann einem solchen Herzen Schaden antun oder es erschrecken? Fällt die Sünde und der Tod darüber her, so glaubt es, Christi Rechtschaffenheit sei sein und seine Sünde sei nimmermehr sein, sondern Christus gehörig. So muß die Sünde vor der Rechtschaffenheit Christi im Glauben verschwinden, wie oben gesagt, und es lernt mit dem Apostel dem Tod und der Sünde Trotz zu bieten und zu sagen: »Wo ist nun, du Tod, dein Sieg? Wo ist nun, Tod, dein Spieß? Dein Spieß ist die Sünde. Aber Gott sei Lob und Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch Jesus Christus unsern Herrn. Und der Tod ist ersäuft in seinem Sieg« usw.

Neunzehntens. Über den innerlichen Menschen mag das nun genug sein, über seine Freiheit und die Hauptgerechtigkeit, die keines Gesetzes oder guten Werkes bedarf, ja der es sogar schädlich ist, wenn jemand sich's anmaßen wollte, dadurch gerechtfertigt zu werden. Nun kommen wir zum zweiten Teil, zu dem äußerlichen Menschen. Hier wollen wir all denen antworten, die an den bisherigen Ausführungen Anstoß nehmen und zu sagen pflegen: Ei, wenn der Glaube alles ist und allein schon als genügend gilt, rechtschaffen zu machen, warum sind dann die guten Werke geboten? Wir wollen dann guter Dinge sein und nichts tun! Nein, lieber Mensch, so nicht. So wäre es wohl, wenn du nur ein innerlicher Mensch und ganz geistlich und innerlich geworden wärest; das aber geschieht nicht vor dem Jüngsten Tag. Es ist und bleibt auf der Erde nur ein Anfangen und Zunehmen, das in jener Welt vollendet wird. Daher nennt es der Apostel primitias spiritus, d. h. die ersten Früchte des Geistes. Darum gehört hierher, was oben gesagt wurde: Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan, d. h. soweit er frei ist, braucht er nichts zu tun; soweit er Knecht ist, muß er allerlei tun. Wie das zugeht, wollen wir sehen.

Zwanzigstens. Obwohl der Mensch innerlich der Seele nach durch den Glauben genügend gerechtfertigt ist und alles hat, was er haben soll, nur daß dieser Glaube und diese Genüge immer zunehmen müssen, bis in jenes Leben, bleibt er doch noch in diesem leiblichen Leben auf der Erde und muß seinen eigenen Leib regieren und mit Leuten umgehen. Da fangen nun die Werke an, hier darf er nicht müßig bleiben. Da muß der Leib in der Tat mit Fasten, Wachen, Arbeiten und mit jeder Art maßvoller Zucht angetrieben und geübt werden, damit er dem innerlichen Menschen und dem Glauben gehorsam und gleichförmig werde, statt ihn zu hindern und zu widerstreben, wie's seine Art ist, wenn er nicht gezwungen wird. Denn der innerliche Mensch ist mit Gott eins, fröhlich und lustig um Christus willen, der ihm so viel getan hat, und all seine Lust besteht darin, daß er seinerseits Gott auch umsonst in freier Liebe dienen möchte. Er findet aber in seinem Fleisch einen widerspenstigen Willen; der will der Welt dienen und suchen, wonach ihn gelüstet. Das kann der Glaube nicht dulden und packt ihn mit Lust an der Gurgel, um ihn in seine Schranken zu weisen und abzuwehren, wie Sankt Paul sagt: »Ich habe eine Lust an Gottes Willen nach meinem inneren Menschen; ich finde aber einen anderen Willen in meinem Fleisch, der will mich mit Sünden gefangen nehmen«; ebenso: »Ich züchtige meinen Leib und treibe ihn zum Gehorsam an, auf daß ich nicht selbst verwerflich werde, der ich die anderen lehren soll«; ebenso: »Alle, die Christus angehören, kreuzigen ihr Fleisch mit seinen bösen Lüsten.«

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